Früchte des Zorns
Staubwolken überziehen Oklahoma. Tom Joad wird auf Bewährung entlassen und trifft den ehemaligen Priester Jim Casy, der die Religion über den Haufen geworfen hat. Das Haus der Familie Joad und die umliegenden Farmen sind verödet. Banken haben die Bauern vertrieben und ihre Häuser zerstören lassen, allein der verwirrte Nachbar Muley Graves ist zurückgeblieben. Handzettel versprechen gut bezahlte Arbeit auf kalifornischen Obstplantagen. Darum tauscht Toms Familie ihren Besitz gegen einen schrottreifen Lastwagen. Voller Hoffnung machen sich die Joads auf den Weg nach Westen, doch nach kurzer Zeit stirbt der Großvater. Gerüchte stellen schon bald die Reise in Frage. Für alle reicht die Arbeit nicht und Flüchtlingskinder verhungern - so erzählen es zurückkehrende Migranten. Aber die Joads bewahren ihre Hoffnung auf den Fortschritt. In Kalifornien gibt es keine Arbeit oder sie ist schlecht bezahlt. Der Lohn reicht kaum für das Essen und die Familie irrt von einem Elendsquartier ins nächste. Ausreichend Geld verdienen nur Streikbrecher. Der Kampf um Arbeit und Nahrung eskaliert: Die Polizei zettelt Schlägereien an, Casy wird ermordet, Tom tötet den Mörder und flieht. Die Familie Joad zerfällt. Der älteste Sohn geht seinen eigenen Weg, und Rosasharns Mann verlässt seine schwangere Frau, um ein besseres Leben zu suchen. Am Ende der Baumwollsaison gibt es gar keine Arbeit mehr, und Rosasharn entbindet ein totes Kind. Regen überflutet Kalifornien. Für "Früchte des Zorns" erhielt der US-amerikanische Autor John Steinbeck 1940 den Pulitzerpreis. Die Großfamilie Joad zerfällt auf einer Odyssee durch die archaische Realität des Frühkapitalismus, der Menschen zu Konkurrenten um Arbeit macht. Zwischen 1935 und 1938 herrschte in Oklahoma eine verheerende Dürre, 15 Prozent der Landbevölkerung flohen nach Kalifornien und suchten dort Arbeit. Unter Verwendung biblischer Motive erfindet John Steinbeck einen Mythos vom sozialen Elend der Arbeitsmigranten und der eskalierenden ökonomischen und gesellschaftlichen Situation zur Zeit der Weltwirtschaftskrise.
PRESSESTIMMEN: "Unter der Leitung von Regisseur Markus Kopf verdichteten elf Schauspieler ... kraftvoll und schlüssig John Steinbecks 1939 veröffentlichten Roman, die Passionsgeschichte über die geschundenen Arbeits-Nomaden im unmenschlichen Kapitalismus jener Jahre. Obwohl der Verlust der Heimat schmerzt, beginnt die Reise ins Ungewisse erwartungsvoll. Mit Gitarre und Behelfs-Instrumenten ausgestattet, intonieren die Reisenden den Evergreen "Route 66" mitreißend. ... Durchweg nutzen die Schauspieler die Tiefe des gesamten Kleinen Hauses und dessen lange Achsen. Auch mischen sie sich immer wieder unters Publikum oder nehmen in den Sitzreihen Platz. Solch ausgreifende Dramatik und die während der gut zweistündigen Spieldauer herrschende Voll-Beleuchtung fordern die Zuschauer positiv heraus. Es entstehen sogar Dialoge mit einzelnen Besuchern. ... Als Kraft-Zentrum der rochierenden, homogen auftretenden Akteure erscheint die Mutter. Cornelia Niemann verleiht der entfernten Verwandten von Brechts 'Mutter Courage' Kampfgeist und unerschütterlichen Familiensinn. ... Erfreulicherweise verzichten Regisseur und Dramaturg darauf, ihr vielstimmiges Stück mit Hinweisen auf heutige Opfer von Globalisierung, Migration und Armut didaktisch und künstlich zu überladen. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, solche Parallelen selbst zu erkennen." Alexander Reuter, Die Glocke Online, 4.12.2009
"Packend erzählt das Stück, wie Menschen in einem modernen demokratischen Land Stück für Stück zu Außenseitern werden und schließlich inmitten prachtvoller Obstplantagen verhungern. So beinhart realistisch und sozialkritisch Steinbeck 1939 auch war: Heute wirkt sein Text wie eine kafkaeske Vision. ... Regisseur Kopf trifft diese Stimmung gut ... erzählt ein allgemeingültiges Drama menschlicher Leidenschaft. Cornelia Niemann ist eine unverwüstliche Über-Mutter, die immer weiß, was zu tun ist, und bei Bedarf alles plattwalzt. Ihre körperliche Präsenz auf der Bühne ist in jeder Sekunde spürbar. Das gilt auch für Caspari, der einen mitreißend virilen, coolen, dauerlächelnden Rebellen gibt und dabei blitzschnell auf exzessive Gewalt umschalten kann." Manuel Jennen, Münstersche Zeitung, 3.12.2009
Regie: Markus Kopf
Bühne: Manfred Kaderk
Kostüme: Jaqueline Schienbein
Komposition/musikalische Leitung: Robert Kretzschmar
Dramaturgie: Justus Wenke
Mitwirkende: Regine Andratschke (Sairy Wilson), Cornelia Niemann (Mutter Joad), Carolin M. Wirth (Rosashawn Joad), Matthias Caspari (Tom Joad), Bernhard Glose (Connie), Ilja Harjes (Al Joad), Johannes-Paul Kindler (Vater Joad), Tim Mackenbrock (Noah Joad), Marek Sarnowski (Onkel John), Johann Schibli (Prediger Casy), Wendelin Starcke-Brauer (Großvater Joad)
Premiere: 02.12.2009

